Dreimal „Everybody‘s Darling“


Klassik - Konzerte mit Werken Mendelssohn Bartholdys stehen an / Ein Interview mit den Verantwortlichen

Im Herbst häufen sich oft die Konzerte. Dieser November jedoch bietet Außergewöhnliches. Gleich drei Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy werden in Rottweil und Schramberg aufgeführt: Das Oratorium „Elias“ (6.11.), die Sinfonie- Kantate „Lobgesang“ (20.11.) und das „Magnificat“ (27.11.). Wie es zu dieser Ballung kam und was die Hörer erwartet, erläutern im Gespräch mit der NRWZ die Verantwortlichen, der Leiter des Vox Humana-Chores Mike Krell, der Leiter des Chores von Heilig Kreuz Rottweil, Wolfgang Weis, und die Kantorin der Evangelischen  Stadtkirche Schramberg, Judith Kilsbach.

NRWZ: Frau Kilsbach, Herr Krell, Herr Weis, zwischen Rottweil und Schramberg herrscht ja nicht immer Harmonie – wie kommt es zu diesem kirchenmusikalischen Gleichklang mit gleich drei Mendelssohn-Werken in
einem Monat?

Wolfgang Weis: Das ist reiner Zufall.
Judith Kilsbach: Ja! (lacht)
Mike Krell: Unser „Elias“ ist ein großes Projekt, das sich über drei Regionen erstreckt, in Schramberg Station macht und auch Schramberger Ensembles einbindet – Musiker,
Instrumentalisten, Chorsänger. Die Planung dafür lief über zwei Jahre. Dass nun zeitlich die Konzerte so eng zusammenkommen, ist tatsächlich Zufall. Unsererseits war der Termin wohlgewählt – es ist das einzigeWochenende, an dem es in Schramberg gelang, alle Beteiligten einzubeziehen.

Hatten Sie überlegt, sich als Veranstalter zu einem kleinen Mendelssohn-Festival zusammen zu tun? Aufs Ganze gesehen ist es ja praktisch eines.
Krell: Im Prinzip schon, wenn man es gewusst hätte, hätte man sich zusammentun können. Aber jeder ist mit seinen Aufgaben vollauf beschäftigt. Ich bewundere Leute, die so organisiert sind, dass sie den Überblick haben – ja, schade, dass wir das nicht zu einem Festival verbunden haben!

Was waren die Motive für die Wahl der Werke?
Kilsbach: Wir hatten es uns in der Evangelischen Kantorei zum Ziel gesetzt ein Konzert im Advent aufzuführen und haben deshalb nach Werken mit entsprechendem Inhalt gesucht. Das „Magnificat“, der Lobgesang Mariens aus dem Lukas-Evangelium, in dem Maria kurz nach der Verheißung der Geburt Jesu Gott preist, passt da perfekt.

NRWZ: Es ist ein Stück, in der Mendelssohn seinem großen Vorbild Bach nacheifert und Sie verschränken das „Magnificat“ ja auch mit einer Bach-Kantate…
Kilsbach: … Genau. Da Mendelssohn in diesem Werk viele stilistische Elemente aus dem Barock und von Bach aufgreift, fanden wir es naheliegend, als zweites Stück ein Werk von Bach auszuwählen. Die Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (BWV 140) wurde von Bach für das Ende des Kirchenjahres komponiert und fügt sich somit bestens in den Aufbau des Konzerts ein.
Weis: Auf den „Lobgesang“ ist bei uns die Wahl gefallen, weil wir ein größer dimensioniertes Werk aufführen wollten. Es ist eine Verbindung von Sinfonie und Kantate und ein extrem erhebendes Werk, das von Optimismus und Glaubensgewissheit nur so strotzt. Damit bildet es einen glanzvollen Abschluss des Kirchenjahres, das wir am Christkönigsfest begehen. Für die Chorsänger ist der „Lobgesang“ ein bewegendes Erlebnis. Wie immer bei Mendelssohn ist die Musik unglaublich verständlich und eingängig…
Krell: … Mendelssohn eben!
Weis: Absolut.
Krell: Mendelssohn gilt unter Chorsängern wegen seiner eingängigen Musik als „Everybody‘s Darling“. Das trifft besonders für den „Elias“ zu, der zig bekannte Stücke beinhaltet, die regelrechte Gassenhauer sind. Der Ausgangspunkt für unser Projekt waren der Chor meines werten Kollegen Peter Straub aus Horb-Mühringen und mein Chor Vox Humana. Wir hatten Stücke aus dem „Elias“ schon im Repertoire. Hinzu kam die Frage, wie man Sponsoren gewinnen kann. Der „Elias“ bietet die seltene Chance, viele Akteure einzubinden: Wir haben mit Sängern aus verschiedenen Einzelchören einen Oratorienchor mit 90 Sängern gebildet, es gibt einen Chor mit 40 Kindern aus der Region Schramberg und der Region Horb, Lehrer und Schüler der Musikschule Schramberg bilden mit professionellen Musikern ein großbesetztes Orchester. Und neben den Hauptsolisten wirken weitere Solisten aus dem Chor mit. Der „Elias“ bietet die Gelegenheit, alle in einem eindrucksvollen Werk zusammenzuführen.

Man kann Mendelssohn, der Enkel des jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn und zugleich christlich erzogener Hanseat war, als Mittler zwischen den Religionen verstehen. Was haben uns seine Werke heute noch zu sagen?
Im „Magnificat“ sendet Maria eine Botschaft der Solidarität und Gerechtigkeit aus: sie sagt, dass Gott sich den Armen und Unterdrückten zuwendet und andererseits die Mächtigen vom Thron stürzt. Angesichts der vielen Krisenherde in der Welt scheint mir diese Botschaft doch sehr aktuell zu sein. Das Lied Mariens ist aber auch ein inniges Gebet einer Frau, die Gottes Handeln in ihrem eigenen Leben sieht. Das kann jeder Zuhörer auf sich übertragen und vor allem im Advent auf sich wirken lassen.
Krell: Im „Elias“ steht Mendelssohn in der Nachfolge von Bach, etwa mit den Chören, die wie in den Passionen das Volk repräsentieren. Mendelssohn knüpft an Traditionen an und definiert diese neu. Zugleich wählt er mit dem kämpferischen Propheten Eilas, der das Volk wieder zu Gott bekehrt, ein Subjekt aus dem Alten Testament, schlägt aber letztlich den Bogen zum Neuen Testament. Es ist also nach wie vor eine Botschaft der Versöhnung und Verständigung zwischen Kulturen und Religionen. Hinzu kommt: Der „Elias“ handelt in weiten Teilen von den Wirren im Nahen Osten. Er ist in dieser Hinsicht leider frappierend aktuell.
Weis: Am „Lobgesang“ ist spannend, dass Mendelssohn mit diesem Werk aus einer Krise heraus und zu neuer Schaffenskraft fand. Die Krise hatte damit zu tun, dass er an seiner Musik zweifelte, mit der er die Menschen aufklärerisch aufrichten wollte. Die Konkurrenten, etwa Franz Liszt oder Richard Wagner, setzten auf Effekt. Mendelssohn hatte ein anderes Menschenbild und appellierte an ein höheres Bildungsideal. Es lässt sich mit dem Buchmarkt vergleichen: Da verkaufen sich Fantasy und Krimis auch besser als die Klassiker. Mendelssohn hat das klassische Ideal angestrebt, er wollte niemanden überrumpeln. Der „Lobgesang“ war für ihn ein Durchbruch. Er erkannte, worauf es ankommt: Menschlichkeit, optimistische Aufrichtigkeit aus dem Bewusstsein heraus, dass wir erlöst sind. Diese Haltung ist für mich sehr aktuell, zum Beispiel im Hinblick auf unser Bildungssystem. Das ist sehr marktorientiert ausgerichtet, es stellt sich jedoch die Frage: Was ist gut für junge Menschen? Das Feinere, Ehrlichere wirkt manchmal weniger spektakulär, aber es repräsentiert Substanz statt Oberflächlichkeit – dafür steht Mendelssohn.

Mendelssohn war einer der ersten Repräsentanten einer bürgerlichen Musikkultur, die sich von den Fürstenhöfen emanzipiert hatte. Gibt es so ein bürgerliches Publikum heute noch, auf das Sie als Chorsänger und Zuhörer bauen können?
Kilsbach: Die Situation hat sich schon stark verändert. Früher war es eine verbindliche Tradition, in die Kirche zu gehen und damit auch in den Chören zu singen und solche Konzerte zu besuchen. Heute ist das nicht mehr selbstverständlich. Man muss immer neue Anreize schaffen, um an das Publikum heranzukommen und Leute an klassische Musik heranzuführen – durch Konzerteinführungen zum Beispiel oder durch immer wieder neue Konzepte.
Weis: Es gibt das bürgerliche Publikum noch. Die meisten Leute, die ins Konzert kommen, sind aus dieser Schicht. Auch bei den Chören und Jugendchören zeigt sich das immer wieder. Auch mit noch so viel Werbung und Angeboten schafft man es nicht, das aufzubrechen und noch breiter zu öffnen.

Wenn Sie so große Werke aufführen, konkurrieren Sie dann nicht um Musiker und
Konzertbesucher?

Weis: Aus meiner Sicht eher nicht. Ich denke, jede Stadt hat ihr eigenes Einzugsgebiet, zumal sich ja auch die Termine nicht überlappen.
Krell: In Schramberg ist es dieses Mal vielleicht nicht optimal gelaufen. Die Konzerte wurden früh geplant und irgendwann war alles so weit gediehen, dass es kein Zurück mehr gab. Ich denke aber, mit drei Wochen Abstand machen wir einander keine Konkurrenz – es sind dann eben zwei sehr attraktive Angebote in kurzer Zeit.

Ist dieser Mendelssohn-Monat ein Ansporn für künftige, auch interkonfessionelle Kooperationen?
Weis: In Rottweil haben wir verschiedene Kooperationen, das klappt sehr gut. Zwischen Rottweil und Schramberg halte ich Gemeinschaftsprojekte für schwierig, weil man jedem Chor auch seine Eigendynamik lassen muss, um das Wir-Gefühl zu stärken. Vielleicht ist es für ein Einzelprojekt praktikabel, aber nicht als Dauerinstitution.
Kilsbach: In Schramberg gibt es ebenfalls eingespielte Kooperationen – beim „Elias“ singen zum Beispiel Sängerinnen und Sänger der Kantorei mit. Wir hatten auch schon evangelisch-katholische Kooperationen. Das war sehr gut und ist für die Zukunft wieder geplant, wenn wir Werke aufführen, die gemeinsam besser zu realisieren sind.
Krell: Ich könnte mir das durchaus vorstellen. Da mal die Kräfte zu bündeln und etwas richtig Großes auf die Beine zu stellen, wäre schon reizvoll – das Berlioz-Requiem etwa oder Carl Orffs „Carmina Burana“, Werke, für die man 400 Leute braucht.

Die Fragen stellte unser Redakteur Andreas Linsenmann.

Info: Das Oratorium „Elias“ wird am 6. November, 17 Uhr, in der Pfarrkirche Heilig Geist in Schramberg aufgeführt, um 16.30 Uhr gibt es eine Einführung. Karten sind bei der Bürger- und Tourist-Information Schramberg (Hauptstraße 25) sowie allen VIBUS-Vorverkaufsstellen erhältlich. Der „Lobgesang“ erklingt am 20. November, 17 Uhr, in der Auferstehung Christi-Kirche in Rottweil. Karten gibt es ab 29. Oktober bei der Buchhandlung Klein (Hauptstr. 14). Das „Magnificat“ und die Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (BWV 140) sind am 27. November, 18 Uhr, in der Evangelischen Stadtkirche Schramberg zu hören. Karten gibt es an der Abendkasse für 15 Euro, für Schüler ist der Eintritt frei.

Quelle: nrwz.de, epaper KW 43; Autor: Andreas Linsensmann